Das Einstehen für Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit in Begegnungen ist eine meiner größten Stärken – und gleichzeitig wohl auch eine meiner größten Schwächen.
Geboren und aufgewachsen in einer Welt, in der alle freundlich grinsen und nicken – nur um sich dann umzudrehen und dir ein Messer in den Rücken zu rammen – dachte ich lange, das sei ein typisches Zeugen-Jehovas-Ding. Doch nach 25 Jahren außerhalb dieser Gemeinschaft und nach fast 10 Jahren in der Persönlichkeitsentwicklungs- und spirituellen Szene stelle ich fest: Das ist kein Zeugen-Ding. Das ist ein vollkommen „normales“ Ding in unserer Gesellschaft. Etwas, das mir, auf Deutsch gesagt, ziemlich auf die Nüsse geht – wenn ich welche hätte.
Bei wem kannst du heute noch wirklich sicher sein, dass das, was er sagt, auch wirklich das ist, was er denkt? Dass das, was er/sie seiner besten Freundin über dich erzählt, kohärent ist mit dem, wie er sich dir gegenüber verhält? Wer sind die Menschen in deinem Leben, bei denen du dir wirklich sicher sein kannst, dass sie dich in Räumen verteidigen, in denen du nicht anwesend bist? Es scheint vollkommen „normal“ geworden zu sein, sich Geschichten über andere zu erzählen, um dann einander ein perfektes freundliches Schauspiel vorzuspielen.
Wie unglaublich öde! Nicht nur, dass es mich persönlich zutiefst langweilt – es verhindert das Neue, von dem alle so groß und heilig sprechen. Die Welt verändert sich nicht durch Schauspielerei oder durch noch so tolle spirituelle Praktiken. Sie verändert sich durch Wahrhaftigkeit in Begegnungen. Gerade dort, wo es unbequem wird, liegt der Schlüssel für Heilung und für unsere aktuelle Zeit. Wahrhaftigkeit heilt. Wahrhaftigkeit öffnet und bereitet den Weg für das Neue. Schauspielerei hält nur das Spiel der Matrix aufrecht.
Einige sagen vielleicht: „Ich will den anderen ja nicht verletzen.“ Wir sind so tolle Geschichtenerzähler. Wenn wir wirklich ehrlich wären, wüssten wir, dass es nicht nur um die Angst geht den anderen zu verletzen. In Wirklichkeit haben wir die Hosen voll, dass die Rückantwort uns trifft und wir Dinge hören müssen, die unsere Wohlfühl-Pups-Blase stören. Und wer kann schon die Wahrheit über sich ertragen, wenn unsere Geschichten alles sind, woran wir uns festhalten können?
Nach fast 10 Jahren Reise in der Szene der Persönlichkeitsentwicklung und Spiritualität halte ich für mich fest: Je „unspiritueller“ und „ungebildeter“ jemand wirkt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass du einen echten und wahrhaftigen Menschen getroffen hast. (Ausnahmen gibt es natürlich immer.)
Wir brauchen Räume in denen wir üben können ECHT zu sein.Fernab aller Rollen.
Wie siehst du das?
Nachdenkliche Grüße
Deine Johanna