Zwischen Leben und Sterben – wer darf entscheiden?

Ich weiß, das ist ein sensibles Thema. Ich habe lange an diesem Text gesessen, ihn liegen lassen, wieder gelesen, Sätze verändert. Ich möchte respektvoll darüber sprechen – auch wenn es ein Tabuthema ist. Doch er brennt mir schon lange im Herzen und heute möchte ich wagen, dafür die richtigen Worte zu finden. Ich glaube, fast jeder von uns hat schon einmal einen Menschen durch den selbstgewählten Freitod verloren.
Darf ein Mensch den Zeitpunkt seines Todes selbst wählen? Unter welchen Umständen – und wann auf gar keinen Fall? Es scheint klare moralische Vorgaben zu geben, was vertretbar ist und was uns als Gesellschaft kollektiv ohnmächtig macht. Vielleicht geht es aber gar nicht so sehr um die Art des Sterbens – sondern um unseren Umgang mit dem Tod an sich?
Vor einigen Wochen ging die Nachricht vom assistierten Suizid von Noelia Castillo durch die sozialen Medien. In Spanien ist es möglich, den Zeitpunkt des eigenen Todes selbst zu wählen und begleitet umzusetzen – nicht nur bei unheilbaren Krankheiten, sondern auch bei chronischen, schweren Depressionen.
In meiner Timeline fand ich unzählige Reaktionen. Die einen griffen Spanien an: Wie kann ein Staat jemanden jahrelang im Stich lassen – und ihm dann "die Erlaubnis zum Sterben" geben? Andere fokussierten sich auf die Gruppenvergewaltigung, die Auslöser gewesen sein soll, und nutzten den Fall für ihre Propaganda gegen Migranten. Und einige blieben einfach stumm und nachdenklich zurück. So wie ich.
Ich las all das mit gemischten Gefühlen. Traurigkeit – ja, dieses Leben hat so viel Schönes zu bieten. Aber auch etwas wie Respekt dafür, dass Spanien Noelia einen würdevollen, selbstbestimmten Weg ermöglicht hat. Suizid ist wohl grundsätzlich der einsamste Tod unserer Welt. Ein Mensch empfindet sein Leben als so unwürdig, so leer, dass er entscheidet zu gehen. Für einen Menschen, der das nicht kennt, ist das kaum nachvollziehbar. Er möchte Noelia in den Arm nehmen, ihr zeigen, wie schön das Leben sein kann. Und das ist auch richtig so – nur sind das oft zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben. Für Noelia (und für fast jeden depressiven Menschen) ist jeder Tag eine Qual, eine kaum zu tragende Last an Schmerz und Trauer. Noelia's Geschichte, die schon in der Kindheit begann und sich nach einem missglückten Suizidversuch – als querschnittsgelähmte Frau – nicht verbesserte. Wir aktzeptieren zwar keine aktive Sterbehilfe, aber ihren Schmerz können wir ihr auch nicht nehmen. Wir akzeptieren Sterbehilfe leichter, wenn jemand "nur noch ein paar Monate" zu leben hat – hat ja sowieso keine Aussicht mehr. Aber wenn jemand über Jahrzehnte ein leeres, schmerzvolles Leben erfährt, jeden Tag – dann ist es nicht okay?
Es gibt wenige Menschen, die mit dem Schmerz und der Ohnmacht eines anderen wirklich umgehen können. Also sprichst du irgendwann mit niemandem mehr darüber. Du weißt: Wer immer es hört, wird dich entweder einweisen wollen oder versuchen, es dir auszureden. "Schau doch hin, das Leben ist so schön, du hast nur die richtige Hilfe noch nicht gefunden." Aber manche Dunkelheit lässt sich nicht einfach "lösen". Man lernt vielleicht, besser mit ihr zu leben – aber das braucht echte Begleitung, kein Wegreden.
Ich wünschte mir, dass wir auch das Dunkle miteinander besser aushalten könnten. Wenn jemand sagt, dass er nicht mehr kann, sollten wir nicht sofort wegreden oder versuchen es schönzureden. Stattdessen: zuhören. Begleiten. Echtes Dableiben, das den Schmerz nicht sofort lösen will, sondern erst einmal aushält.
Nur weil wir mit Dunkelheit und Tod schlecht umgehen können und sie als grausam empfinden, heisst es ja nicht, dass wir lernen könnten, es anders zu machen. Die Natur macht es uns vor: Sie "stirbt" jedes Jahr, um neu zu werden.
Das Festhalten am Leben um jeden Preis verhindert am Ende oft genau das: Leben.
Verbunden
Johanna Pardo
Kommentare.
Lade…