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Tabu-Themen

Zwischen Leben und Sterben – wer darf entscheiden?

Zwischen Leben und Sterben – wer darf entscheiden?

Ich weiß, das ist ein sehr sensibles Thema. Ich habe lange an diesem Text gesessen, ihn liegen lassen, wieder gelesen und Sätze verändert. Ich möchte respektvoll darüber sprechen – auch wenn es ein Tabuthema ist. Doch es brennt mir schon lange im Herzen, und heute möchte ich wagen, dafür die richtigen Worte zu finden.

Viele von uns haben schon einmal einen Menschen durch Suizid verloren. Für jemanden, der diese Krankheit nicht kennt, ist es wahrscheinlich kaum zu verstehen, dass ein Mensch so verzweifelt sein kann, dass er sein eigenes Leben beendet. Dass irgendwann nichts mehr zählt. Dass nichts mehr von so großer Bedeutung sein kann, dass dieser Mensch bleiben möchte. Die Lücke, die bleibt, ist unfassbar schmerzvoll. Mit einem großen Warum im Gepäck, das manchmal auch uns das Weitergehen erschwert. Und doch bleibt am Ende diese Frage: Darf ein Mensch den Zeitpunkt seines Todes selbst wählen? Unter welchen Umständen – und wann auf gar keinen Fall?

In der christlichen Tradition gilt es als schwere moralische Verfehlung, das Leben, das Gott uns geschenkt hat, selbst zu beenden. Es scheint klare moralische Vorstellungen davon zu geben, was vertretbar ist und was uns als Gesellschaft kollektiv ohnmächtig macht. Vielleicht geht es aber gar nicht nur um die Art des Sterbens, sondern grundsätzlich um unsere Beziehung zum Tod.

Vor einigen Wochen ging die Nachricht vom Tod von Noelia Castillo durch die sozialen Medien. Noelia war 25 Jahre alt und lebte nach einem Suizidversuch im Jahr 2022 mit einer Querschnittslähmung, chronischen körperlichen Schmerzen und schweren psychischen Erkrankungen. Nach einem fast zweijährigen rechtlichen Streit erhielt sie am 26. März 2026 in Spanien medizinisch begleitete Sterbehilfe. Ihre Entscheidung war zuvor von den zuständigen medizinischen Stellen geprüft und genehmigt worden. Das spanische Gesetz erlaubt Sterbehilfe unter strengen Voraussetzungen nicht nur bei unmittelbar tödlichen Krankheiten, sondern auch bei schweren, chronischen und dauerhaft einschränkenden Erkrankungen, die für den betroffenen Menschen unerträgliches Leiden verursachen. Es wäre jedoch falsch zu behaupten, Noelia habe allein wegen ihrer Depressionen sterben dürfen. Entscheidend war ihre gesamte, als dauerhaft und unerträglich bewertete Situation.

In meiner Timeline fand ich unzählige Reaktionen. Die einen griffen Spanien an: Wie kann ein Staat einen Menschen jahrelang im Stich lassen und ihm dann die „Erlaubnis zum Sterben“ geben? Andere konzentrierten sich auf die sexuellen Übergriffe, von denen Noelia berichtet hatte, und nutzten ihren Fall für Propaganda gegen Migranten. Dabei kursierten Behauptungen über die Herkunft der mutmaßlichen Täter, für die es keine belastbaren Belege gab. Und einige blieben einfach stumm und nachdenklich zurück. So wie ich.

Ich las all das mit gemischten Gefühlen. Traurigkeit – ja. Dieses Leben hat so viel Schönes zu bieten. Aber auch etwas wie Respekt dafür, dass Spanien Noelia einen würdevollen und selbstbestimmten Weg ermöglicht hat. Suizid ist wohl einer der einsamsten Tode unserer Welt. Und ja, wie sollte es auch anders gehen? Ich kann mir kaum einen Menschen vorstellen, der uns liebt und dann sagen würde: „Okay, Baby, kein Ding. Wann möchtest du gehen? Sollen wir vorher noch etwas Leckeres essen?“ Natürlich möchte ein Mensch, der dich liebt, dass du bleibst. Natürlich möchte dieser Mensch dir den Schmerz abnehmen, den du trägst. Aber das übersteigt unsere Fähigkeiten – und manchmal auch unsere Verantwortung.

So schwer es fällt: Wir sind nur bis zu einem bestimmten Punkt füreinander verantwortlich. Im Sinne der Menschlichkeit, der Nähe und der Güte. Aber unsere tiefsten Erfahrungen kann uns niemand vollständig abnehmen. Ein Teil unseres Lebens und unseres Leidens bleibt unser eigener – auch wenn unsere Entscheidungen immer Menschen berühren, die uns lieben.

Und wie tröstlich könnte es für einen Menschen sein, wenn er nicht allein gehen müsste? Ich wüsste nicht, ob und wie ich einen mir nahestehenden Menschen bei diesem Schritt begleiten könnte. Aber um mich geht es hier gerade nicht. Es geht darum, wie es für diesen Menschen sein könnte, wenn sein Sterben nicht einsam, gewaltsam und voller Angst wäre, sondern begleitet und würdevoll.

Wer diese Verzweiflung nicht kennt, möchte Noelia vielleicht einfach in den Arm nehmen und ihr zeigen, wie schön das Leben sein kann. Ja, das Leben kann schön sein. Und trotzdem fühlt es sich für jeden Menschen anders an. Es sind manchmal zwei Welten, die kaum etwas miteinander zu tun haben. Für Noelia – und für manche Menschen mit schweren, lang andauernden psychischen Erkrankungen – kann jeder einzelne Tag zu einer kaum tragbaren Last aus Schmerz, Trauer und Hoffnungslosigkeit werden. Noelias Geschichte begann früh. Sie lebte bereits als Jugendliche mit schweren psychischen Problemen. Nach ihrem Suizidversuch war sie querschnittsgelähmt und litt zusätzlich unter dauerhaften körperlichen Schmerzen.

Sie war es, die diesen Schmerz jeden Tag aushalten musste. Nicht wir. Sie war es, die über Jahre hinweg mit diesem Leben zurechtkommen musste. Nicht wir. Wir lehnen aktive Sterbehilfe ab – aber ihren Schmerz können wir ihr ebenfalls nicht nehmen. Sterbehilfe akzeptieren wir leichter, wenn jemand „nur noch wenige Monate“ zu leben hat. Dann sagen wir: Dieser Mensch hat ohnehin keine Aussicht mehr. Aber wenn jemand über viele Jahre ein leeres und schmerzvolles Leben erlebt, jeden Tag, dann heißt es: Es gibt doch noch Hoffnung. Es ist schließlich „nur“ die Psyche. Doch auch psychische Erkrankungen können chronisch verlaufen, auf zahlreiche Behandlungen nicht ausreichend ansprechen und über viele Jahre schwerstes Leiden verursachen.

Und gleichzeitig bleibt die andere Seite dieser Wahrheit bestehen: Menschen in tiefsten Krisen brauchen Schutz, Unterstützung und echte Möglichkeiten zum Weiterleben. Kein Mensch sollte sterben wollen müssen, weil Therapieplätze fehlen, Hilfesysteme versagen, Armut ihn festhält oder er sich von der Gesellschaft im Stich gelassen fühlt. Eine freie Entscheidung kann nur dort entstehen, wo vorher wirklich alles dafür getan wurde, ein lebenswertes Leben zu ermöglichen. Genau deshalb ist diese Frage so schwer. Es darf niemals leichter sein, einem Menschen beim Sterben zu helfen, als ihm dabei zu helfen, wieder leben zu können.

Doch ich wünsche mir, dass wir auch den Tod in unser Leben lassen können – als Bestandteil des Lebenskreislaufs. Die Natur erinnert uns jedes Jahr daran, dass Werden und Vergehen zusammengehören. Natürlich lässt sich das Zurückziehen der Natur nicht einfach mit dem endgültigen Tod eines Menschen vergleichen. Aber vielleicht kann es uns helfen, Dunkelheit und Endlichkeit nicht ausschließlich als Verlust zu betrachten.

Nur weil wir mit dem Tod schlecht umgehen können und ihn als grausam empfinden, heißt das nicht, dass wir nicht lernen könnten, ihm anders zu begegnen. Mit weniger Angst. Mit weniger moralischer Überheblichkeit. Mit mehr Demut vor einem Schmerz, den wir selbst nicht tragen müssen.

Das Festhalten am Leben um jeden Preis verhindert am Ende manchmal genau das: Leben.

Verbunden
Johanna Pardo

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