Wie viele Geschlechter kann ein Mensch haben?

Seit November 2024 können trans, inter und nicht-binäre Menschen ihren Geschlechtseintrag per Selbstauskunft ändern. Das ist mehr rechtliche Anerkennung als je zuvor. Doch im selben Zeitraum: der höchste Stand queerfeindlicher Gewalt, der je gemessen wurde. Mehr Rechte. Mehr Sichtbarkeit. Und mehr Hass. Gleichzeitig.
Queerfeindliche Straftaten in Deutschland haben sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. 2022 waren es 1.188 Fälle. 2023 stieg die Zahl auf 1.785. 2024 auf 2.107. 2025 wurde mit 2.377 Fällen ein neuer Höchststand erreicht. Und die Dunkelziffer? Eine Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte zeigt: 96 Prozent der Hassrede gegen queere Menschen wird nicht angezeigt, 87 Prozent der körperlichen oder sexuellen Übergriffe auch nicht. Die Gründe: "war nicht ernst genug" – oder Angst vor genau der Reaktion, die man von der Polizei eigentlich erwarten sollte zu bekommen, nicht zu fürchten.
Eine Frage, bei der es eigentlich nie um die Antwort ging – sondern darum, wer sie stellen darf.
Ich hatte zwei Freundinnen, die ersten in meinem Leben, die früher mal ein Mann waren. Sie haben mir ihre Geschichten erzählt. Und ich war sprachlos. So viel Gewalt. So viel Hass. So viel Demütigung – über Jahre, manchmal Jahrzehnte –, dass mir Tränen kamen. Bis zu diesem Tag hatte ich Transsexualität eher als ein Thema betrachtet, das mich nichts angeht. Nicht unbedingt ablehnend. Ja, peinlich berührt war ich schon, durch meine Erziehung. Aber im Grunde war ich einfach vollkommen unbeteiligt.
Ab diesem Tag wurde das anders. Ich hatte ihren Schmerz gefühlt. Ihr Leid. Ich war Teil ihrer Geschichte geworden. Und ich wünschte mir für sie nur eines: dass es endlich aufhört. Dass sie nicht zum zehnten Mal vor einem Psychologen sitzen müssen, um zu beweisen, wer sie sind – sondern endlich, nach Jahrzehnten, in ihrem richtigen Geschlecht leben können. Für sie war das neue Selbstbestimmungsgesetz ein echter Feiertag.
Bevor ich weitermache, kurz zur Klärung – weil ich das selbst früher durcheinandergebracht habe:
Trans bedeutet: Das Geschlecht, das bei der Geburt zugewiesen wurde, stimmt nicht mit dem überein, was ein Mensch wirklich ist. Manche beschreiben das als "im falschen Körper geboren". Das ist die Geschichte meiner Freundinnen.
Intersexuell (oder "divers") ist etwas anderes: Hier ist der Körper selbst – Chromosomen, Hormone, Genitalien – schon bei der Geburt nicht eindeutig männlich oder weiblich. Keine Frage des Empfindens. Eine körperliche Tatsache.
Je nach Definition kommen Schätzungen auf 1 von 1000, andere auf 1 von 2000. Der Deutsche Ethikrat geht von rund 80.000 intergeschlechtlichen Menschen in Deutschland aus. Dass es also kein drittes Geschlecht gibt, ist faktisch falsch. Es gibt lebende Beweise von Menschen, die weder Mann noch Frau sind. Punkt. Und das eigentlich Erschreckende ist nicht die Zahl, sondern dass wir sie nicht genau kennen. Über eine Gruppe von Menschen, die es zweifelsfrei gibt, haben wir nicht einmal annähernd verlässliche Daten.
Wenn ein Gesetz eine Sache regelt – und die Debatte über zehn andere Dinge geführt wird.
Ja, ich habe auch eine klare Meinung zu dem Thema: Irreversible medizinische Eingriffe haben vor dem 18. Lebensjahr nichts zu suchen. Punkt. Das ist keine Position gegen Selbstbestimmung – das ist eine Position für Vorsicht bei allem, was man nicht zurückdrehen kann. Trittbrettfahrer, die dieses Gesetz für ihre abwegigen Gedanken benutzen, können nicht für eine ganze Szene stehen. Meine Freundinnen wollten nicht das Geschlecht wechseln, weil sie Frauen auf einer Toilette belästigen wollten, sondern weil sie in Ruhe und Frieden so leben wollten, wie sie sind. Menschen, die sich nach Glück und Akzeptanz sehnen. Menschen, wie du und ich.
Wenn ich das Argument höre: "Ja, aber wir müssen die Kinder schützen" – schützen? Wovor? Davor, dass sie so sein dürfen, wie sie sind? Jeder Mensch hat das Recht auf Glück, solange er andere Menschen damit nicht schadet. Und ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der das die oberste Priorität hat. Normen sind nicht die Waagschale für Moral, sondern das Glückslevel eines Menschen. Erst aus Verstecken und Verleumden wird Sünde .
Ja, Menschen werden orientierungsloser, gelangweilter, und gewisse Strömungen nutzen das für ihre Agenda. Diese Sorge ist gerechtfertigt, und ja, auch Vorsicht bei irreversiblen Eingriffen ist berechtigt.Aber eine gesamte Szene für diese Entwicklung als schuldig zu ernennen, löst unser grundlegendes Problem nicht. Es sind nicht meine Freundinnen, die das Problem sind, es ist die Sinnlosigkeit usnerer Gesellschaft, die es Trittbrettfahrern ein leichtes macht, eine ganze bereits gebeutelte Szene in den Dreck zu ziehen. Etwas zu verbieten hat noch nie dazu geführt, dass es verschwindet. Es nimmt nur denen, für die dieses Gesetz ein Feiertag war, wieder das, was sie sich jahrzehntelang erkämpft haben.
Am Anfang stand eine einfache Frage:
Wie viele Geschlechter kann ein Mensch haben? Die Antwort ist klar: mehr als zwei – das ist Biologie, keine Ideologie.
Die eigentliche Frage war aber nie diese, oder?
Die eigentliche Frage ist: Was machen wir mit Menschen,
die nicht in unser gewohntes Bild passen?
Schaffen wir Räume – oder schaffen wir Zielscheiben?
Nachdenkliche Grüße von
Johanna Pardo
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