Was du siehst, fehlt mir

Ich habe lange geglaubt, Missverständnisse entstehen, weil Menschen nicht richtig zuhören. Heute glaube ich: Das stimmt nur halb. Oft hören wir schon zu. Aber wir hören durch unsere eigene Geschichte. Durch unsere Angst. Durch unsere Sehnsucht. Durch das, was wir erlebt haben. Durch das, was wir vermeiden wollen.
Und plötzlich wird aus einem Satz ein Angriff. Aus einer Pause wird Ablehnung. Aus einer anderen Meinung wird Bedrohung. Nicht, weil der andere das alles gesagt hat. Sondern weil mein System genau das daraus gemacht hat.
Das ist einer der unbequemsten Gedanken überhaupt: Vielleicht sehe ich die Welt nicht einfach so, wie sie ist. Vielleicht sehe ich sie auch so, wie ich bin. Das ist erstmal ziemlich blöd. Weil es bedeutet: Ich kann mich nicht komplett hinter meiner Wahrnehmung verstecken. Ich kann nicht einfach sagen: „So ist es eben.“ Sehr oft müsste ich ehrlicher sagen: „So kommt es bei mir an.“ Das ist ein riesiger Unterschied. Es kann bedeuten: Meine Wahrnehmung ist nicht die ganze Wahrheit. Sie ist ein Ausschnitt. Ein gefilterter Ausschnitt.
Jeden Moment strömt eine unfassbare Menge an Informationen auf uns ein. Geräusche. Gerüche. Bewegungen. Gesichter. Worte. Erinnerungen. Körpergefühle. Stimmungen. Blicke. Untertöne. Millionen kleine Signale. Unser Bewusstsein kann davon nur einen winzigen Teil aufnehmen.
Man spricht oft davon, dass etwa elf Millionen Bits pro Sekunde auf unser Nervensystem einströmen, während bewusst nur ein winziger Bruchteil davon übrig bleibt. Ob es am Ende 50 Bits sind oder etwas mehr oder weniger, ist für mich gar nicht der wichtigste Punkt. Entscheidend ist: Wir nehmen nur einen Mini-Bruchteil von dem wahr, was gerade wirklich da ist. Wir können gar nicht alles wahrnehmen. Wenn es diesen Filter nicht gäbe, würde uns wahrscheinlich die Birne durchknallen.
Unser System muss filtern. Und dieser Filter ist nicht neutral. Er besteht aus Erfahrungen. Aus Prägungen. Aus Angst. Aus Sehnsucht. Aus alten Verletzungen. Aus Werten. Aus Überzeugungen. Aus dem, was wir gelernt haben. Aus dem, was wir nie wieder erleben wollen. Aus dem, wer wir glauben zu sein.
Deshalb hört der eine in einem Satz Kritik. Und der andere hört Fürsorge. Die eine sieht in einem Blick Ablehnung. Der andere hat einfach nur müde geguckt. Der eine erlebt eine andere Meinung als Angriff. Die andere erlebt sie als Einladung zum Nachdenken. Wir sitzen im selben Raum. Wir hören dieselben Worte. Wir erleben denselben Moment. Und trotzdem werden wir mit völlig unterschiedlichen Geschichten nach Hause gehen. Und beide Geschichten fühlen sich wahr an. Für den jeweiligen Menschen sind sie es auch.
Das ist ja das Trickige. Unsere Wahrnehmung fühlt sich nicht an wie ein Filter. Sie fühlt sich an wie DIE Realität. Wenn ich mich abgelehnt fühle, dann fühlt sich die Ablehnung echt an. Wenn ich mich angegriffen fühle, dann fühlt sich der Angriff echt an. Wenn ich glaube, dass du mich nicht ernst nimmst, dann fühlt sich das nicht an wie „mein System hat gerade eine Deutung produziert“. Es fühlt sich an wie: Du nimmst mich nicht ernst. Und genau da beginnen unsere Konflikte. Nicht unbedingt, weil jemand uns etwas Schlechtes möchte. Nicht unbedingt, weil jemand verletzen will. Sondern weil zwei gefilterte Welten aufeinandertreffen und beide glauben: Ich sehe doch, was hier passiert. Aber vielleicht sehe ich nicht, was passiert. Vielleicht sehe ich, was mein System aus dem macht, was passiert.
Das heißt nicht, dass es keine Realität gibt. Natürlich gibt es Dinge, die gesagt wurden. Dinge, die getan wurden. Grenzen, die überschritten wurden. Gewalt, die benannt werden muss. Verantwortung, die getragen werden muss. Es geht mir nicht darum, Glitzer über Scheiße zu streuen. Es geht mir um Konflikte in normalen zwischenmenschlichen Beziehungen. Um die Momente, in denen niemand absichtlich zerstören will — und trotzdem etwas kaputtgeht.
Es geht mir darum, gemeinsam neue Räume zu öffnen. Zwischen dem, was passiert ist, und dem, was ich daraus mache. Zwischen deiner Handlung und meiner Deutung. Zwischen dem Moment und meiner Geschichte darüber. Die Wahrnehmung des anderen muss mich nicht sofort bedrohen. Vielleicht ergänzt sie etwas. Vielleicht sieht der andere etwas, das in meinem Filter gerade nicht vorkommt. Vielleicht hört er etwas, das ich überhöre. Vielleicht erkennt sie einen Zusammenhang, den ich nicht sehen kann, weil ich gerade zu sehr in meiner Angst sitze.
Was du siehst, fehlt mir vielleicht. Und was ich sehe, fehlt dir vielleicht.
Eigentlich könnten wir uns gegenseitig helfen, die Welt größer zu machen. Stattdessen machen wir oft das Gegenteil. Wir verteidigen unsere 50 Bits, als wären sie die ganze Wahrheit. Wir kämpfen um unseren Ausschnitt. Wir sagen: So ist es. So war es. So bist du. So bin ich. Das ist deine Geschichte. Das ist meine Geschichte. Das ist dein Problem. Das ist mein Recht. Punkt. Aus. Feierabend. Und irgendwann stehen wir uns gegenüber wie zwei getrennte Welten.
Dabei können wir doch gar nicht so unterschiedlich sein? Egal, woran wir glauben. Spirituell. Biologisch. Religiös. Wissenschaftlich. Ganz nüchtern betrachtet: Wir sind aus demselben Rohstoff. Wir atmen dieselbe Luft. Wir leben auf demselben Planeten. Wir bestehen aus denselben Grundstoffen. Wir haben ähnliche Sehnsüchte. Wir wollen gesehen werden. Sicher sein. Geliebt werden. Frei sein. Dazugehören. Nicht verschwinden.
Und trotzdem erlebt jeder von uns nur einen kleinen Ausschnitt dieser Welt bewusst. Vielleicht wäre das gar kein Problem, wenn wir unsere Ausschnitte miteinander teilen würden. Nicht als Waffe. Sondern als Geschenk. Nicht: „Ich habe recht, du liegst falsch.“ Sondern: „Das sehe ich. Was siehst du?“ Nicht: „Deine Wahrnehmung bedroht meine.“ Sondern eher neugierig, fast kindlich: „Erzähl mal, erzähl mal, was nimmst du gerade wahr? Ach, echt? Krass! Erzähl mir mehr davon.“
Natürlich nicht grenzenlos. Nicht jede Meinung ist eine wertvolle Ergänzung. Nicht jede Aussage verdient Raum. Nicht jede Perspektive muss eingeladen werden. Wenn Menschenwürde verletzt wird, wenn Gewalt verharmlost wird, wenn Manipulation im Spiel ist, braucht es Grenzen. Aber dort, wo Respekt möglich ist, wo Werte nicht völlig auseinanderbrechen, wo Menschlichkeit noch da ist, könnte die Sicht des anderen eine Erweiterung sein. Keine Bedrohung. Keine Niederlage. Keine Entwertung meiner eigenen Wahrheit. Sondern eine weitere Tür.
Und genau das ist wahrscheinlich eines der schwersten Dinge der Welt. Der Moment, in dem ich oft kurz die Hoffnung verliere. Denn genau das scheint so unerreichbar in unserer heutigen Welt. Und ja, ich schreibe all das, weil ich fühlen kann, wie sich dieser Zustand anfühlen könnte. Aber nicht, weil ich bereits dort angekommen bin.
Ich schreibe das, weil ich selbst immer wieder in Trennung rutsche. In Bewertung. In dieses schnelle innere: „Ich sehe es doch. Warum siehst du es nicht?“ Ich kenne diesen Reflex, die eigene Wahrnehmung für die Wahrheit zu halten und die Wahrnehmung des anderen für Verzerrung, Widerstand oder Angriff.
Es scheint deswegen so unerreichbar, weil es eines der schwersten Dinge überhaupt ist, mitten im eigenen Schmerz stehen zu bleiben und nicht sofort dichtzumachen. Nicht sofort recht haben zu wollen. Nicht sofort mich oder den anderen kleinzumachen, nur weil ich/er/sie etwas sieht, das ich gerade nicht sehen kann oder möchte. Mich nicht bedroht zu fühlen, sodass ich nicht automatisch in Erstarrung, Flucht oder Angriff rutsche.
Nein, ich habe all das noch nicht in Gänze verkörpert. Ich mache klare Fortschritte, weite mich oft und kann andere Meinungen annehmen und meine eigene erweitern. Aber an anderen Tagen möchte ich jeden Andersdenkenden in der Arsch treten und sagen: „Wie blöd bist du eigentlich, dass du das nicht verstehen kannst.“ Ich rutsche selbst in Spaltung. Ich verliere die Weite. Ich halte meine erste Reaktion manchmal selbst für die Wahrheit. Ich will selbst recht haben. Ich will selbst, dass der andere endlich sieht, was ich sehe und mir recht gibt.
Aber ich will dort nicht stehen bleiben. Ich werde nicht aufhören, zu lernen. Ich will nicht aufhören, größer zu werden als meine erste Reaktion. Ich will nicht aufhören zu üben, bis ich irgendwann vielleicht wirklich sagen kann: Was du siehst, bedroht mich nicht mehr automatisch.
Wie groß meine, deine, unsere Welt werden könnte, wenn wir es irgendwann schaffen, unsere 50 Bits zu erweitern. Auf 100. Auf 150. Auf 200. Was für Möglichkeiten könnten uns damit zur Verfügung stehen? Welche Antworten könnten plötzlich auftauchen auf Fragen, die wir uns schon immer gestellt haben?
Egal wie klug wir sind. Egal wie gebildet. Egal wie spirituell. Egal wie erfolgreich. Egal wie reich. Egal wie reflektiert. Egal wie sehr wir glauben, es endlich verstanden zu haben: Wir kommen niemals allein an die elf Millionen Bits heran.
Wir sehen immer nur unseren Mini-Ausschnitt. Aber vielleicht liegt genau darin die Einladung.
Nicht härter um die eigene Wahrnehmung zu kämpfen. Sondern mutiger zu fragen: Was siehst du, das mir gerade fehlt?
Vielleicht werden wir nie das ganze Bild sehen.
Aber vielleicht können wir gemeinsam etwas mehr sehen.
Herzlich,
Johanna Pardo
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