Warum wir uns ständig missverstehen

Warum die meisten Konflikte gar nicht an der Sache liegen – sondern daran, dass wir die Sehnsucht des anderen nicht erkennen.
Die meisten Konflikte, die ich kenne – in Beziehungen, in Teams, mit mir selbst – haben am Ende denselben Kern: Zwei Menschen wollen im Grunde etwas sehr Ähnliches. Verstanden werden. Sich sicher fühlen. Sie zeigen es nur so unterschiedlich, dass der andere es als Angriff liest. Als Ablehnung. Als Charakterfehler.
Sie will jeden Abend gemeinsam verbringen, jede Entscheidung gemeinsam treffen.
Für ihn wirkt das plötzlich anhänglich. Er braucht seinen Freiraum. Für sie wirkt das kalt und distanziert.
Beide haben recht. Beide schützen etwas in sich. Und beide verstehen den anderen komplett falsch.
Genau dieses Missverständnis – das fehlende Wissen darum, dass Menschen aus unterschiedlichen, aber gleich legitimen Bedürfnissen heraus handeln – ist die Wurzel der meisten Konflikte. Nicht böser Wille. Nicht Charakterschwäche. Einfach unterschiedliche Sehnsüchte, die aufeinandertreffen, ohne erkannt zu werden.
Es gibt ein psychologisches Modell, das genau das sichtbar macht. Ich hab mich damit während meiner Abschlussarbeit zur systemischen Change-Managerin intensiv beschäftigt – und es hat mein Verständnis von mir selbst und von jedem Konflikt, den ich je geführt habe, verändert.
Der Ursprung: ein Mann, eine Angst, vier Formen
1961 veröffentlichte der deutsche Psychoanalytiker Fritz Riemann ein Buch mit dem Titel "Grundformen der Angst". Bis heute ein Klassiker – mittlerweile in der 47. Auflage, über 967.000 verkaufte Exemplare. Riemanns These: Jeder Mensch trägt eine von vier Grundängsten in sich, die sein Verhalten prägen. Er nannte sie schizoid, depressiv, zwanghaft und hysterisch – Begriffe, die heute klinisch klingen, aber damals einfach die vier psychoanalytischen Grundtypen seiner Zeit waren.
Schizoid bedeutete: Angst vor Nähe, vor Verschmelzung, vor Verlust der eigenen Autonomie.
Depressiv bedeutete: Angst vor Trennung, vor Distanz, vor dem Alleinsein.
Zwanghaft bedeutete: Angst vor Veränderung, vor Kontrollverlust, vor Chaos.
Hysterisch bedeutete: Angst vor endgültiger Festlegung, vor Stillstand.
Riemann hat diese vier nie als Schubladen gemeint, in die man Menschen für immer einsortiert. Jeder von uns trägt alle vier Formen in sich – nur in unterschiedlicher Gewichtung. Eine reine, isolierte Form kommt in der Realität praktisch nicht vor, außer im tiefsten pathologischen Extrem.
Seelische Gesundheit entsteht für Riemann nicht dadurch, dass man sich für eine Seite entscheidet und die andere wegschneidet. Sondern durch die Balance zwischen den Polen. Wer seine Angst annimmt, statt ihr ständig auszuweichen, entwickelt sich daran weiter. Wer ihr ewig ausweicht, bleibt stehen.
Das war mir, bevor ich mich damit beschäftigt habe, gar nicht klar.
Ich dachte, man "ist" eben so. Stimmt nicht. Man trägt alles in sich.
Die Frage ist nur, wem man gerade das Steuer überlässt.
Die Übersetzung: von der Angst zur Sehnsucht
Der Schweizer Psychologe und Paartherapeut Christoph Thomann arbeitete in den 1970er- und 80er-Jahren mit Riemanns Modell – aber er störte sich an der Klinik-Sprache. Wer will sich schon selbst als "zwanghaft" oder "hysterisch" bezeichnen? Also drehte er die Perspektive um. Aus den vier Ängsten machte er vier Grundbestrebungen. Keine Diagnosen mehr. Menschliche Sehnsüchte, die wir alle in unterschiedlicher Mischung in uns tragen:
Nähe – die Sehnsucht nach Verbindung, Vertrautheit, Zugehörigkeit.
Distanz – die Sehnsucht nach Autonomie, Freiraum, Selbstbestimmung.
Dauer – die Sehnsucht nach Sicherheit, Struktur, Verlässlichkeit.
Wechsel – die Sehnsucht nach Veränderung, Spontaneität, Lebendigkeit.
Daraus entstand das Riemann-Thomann-Modell – heute eines der meistgenutzten Werkzeuge in Teamentwicklung, Paarberatung und Konfliktmoderation. Genau das Werkzeug, das das Problem vom Anfang dieses Artikels plötzlich erklärbar macht.
Und die Sprache hat sich seitdem nochmal weiterentwickelt. Aus Riemanns "Angst" wurde Thomanns "Grundbestrebung". Und in vielen Coaching- und Teamkontexten heute wird daraus ganz selbstverständlich "Grundbedürfnis". Drei Worte für dieselbe Sache – aber jedes ein Stück menschlicher als das vorherige.
Die dritte Stimme: Schulz von Thun
Es gibt noch ein drittes Modell, das genau in diese Richtung denkt: das "innere Team" von Friedemann Schulz von Thun. Seine Idee: In uns sitzt nicht eine einzige, einheitliche Stimme. Sondern ein ganzes Ensemble innerer Anteile, die je nach Situation das Wort ergreifen – manche laut, manche kaum hörbar, manche im offenen Streit miteinander.
Kein Zufall übrigens, dass Thomann und Schulz von Thun sich kennen. Gemeinsam haben sie das Standardwerk "Klärungshilfe" für schwierige Gespräche geschrieben.
Drei Denker. Drei Modelle. Ein gemeinsamer Kern: Wir sind keine einzelne, einheitliche Persönlichkeit. Wir sind eine innere Versammlung. Und jede Beziehung nach außen ist die Begegnung zweier solcher Versammlungen.
Wie daraus mein eigenes J-Team wurde
Genau mit diesen drei Modellen hab ich mich während meiner Abschlussarbeit zur systemischen Change-Managerin auseinandergesetzt. Und aus dieser Auseinandersetzung heraus entstand etwas Eigenes: mein J-Team.
Lieselotte, Fräulein Rottenmeier, Maxine und Trudbert sind keine Erfindung aus dem Nichts. Sie sind meine eigene Übersetzung der vier Grundbestrebungen, mit denen ich mich auseinandergesetzt habe:
Lieselotte trägt die Nähe – die Sehnsucht nach Verbindung, auch um den Preis der Selbstaufgabe.
Trudbert trägt die Distanz – die Sehnsucht nach Freiheit, auch um den Preis der Einsamkeit.
Fräulein Rottenmeier trägt die Dauer – die Sehnsucht nach Sicherheit, auch um den Preis der Lebendigkeit.
Maxine trägt den Wechsel – die Sehnsucht nach Veränderung, auch um den Preis der Bodenhaftung.
Keine von ihnen ist falsch. Jede schützt etwas in mir. Das Problem entsteht nicht durch ihre Existenz. Es entsteht dann, wenn eine von ihnen allein das Steuer übernimmt und die anderen drei zum Schweigen bringt.

Welche der vier Stimmen in dir am lautesten? Und welche hast du am längsten weggesperrt?
Oft ist genau die weggesperrte Stimme diejenige, die dir am meisten fehlt.
Nicht weil sie schwächer ist. Sondern weil sie nie gehört werden durfte.
Zurück zum Anfang: Konflikte entstehen am häufigsten zwischen den Gegenpolen.
Nähe trifft auf Distanz. Dauer trifft auf Wechsel.
Die eine sucht Nähe. Jeden Abend gemeinsam, jede Entscheidung gemeinsam getroffen. Der andere sucht Distanz. Freiraum, eigene Projekte. Beide haben recht. Beide schützen sich selbst. Und genau deshalb eskaliert es so oft – nicht weil einer von beiden falsch liegt, sondern weil beide ihre eigene Sehnsucht für die einzig vernünftige halten.
Das Gleiche gilt für Teams. Wer Dauer braucht, will Pläne, Struktur, Verlässlichkeit. Wer Wechsel braucht, will Freiraum, Experimente, neue Wege. Ohne dieses Wissen wird aus der Differenz schnell ein persönlicher Vorwurf: "Du bist chaotisch." "Du bist verkrampft." Mit dem Wissen wird daraus etwas anderes: "Ah, du brauchst gerade Dauer. Ich brauche gerade Wechsel. Lass uns schauen, wo beides Platz hat."
Das ist der eigentliche Wert dieses Modells. Es nimmt Konflikten die persönliche Schärfe und macht sie zu einer Frage von Bedürfnissen, die man sehen, benennen und aushandeln kann.
Nicht mehr du gegen mich. Sondern: deine Sehnsucht trifft auf meine.
Quellen
Riemann, Fritz: Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie.
Verlag Ernst Reinhardt, München, zuerst erschienen 1961, 47. Auflage 2022.
Thomann, Christoph / Schulz von Thun, Friedemann: Klärungshilfe 1: Handbuch für Therapeuten, Gesprächshelfer und Moderatoren in schwierigen Gesprächen. rororo, Hamburg 2013.
Grundformen der Angst & Riemann-Thomann-Modell, Wikipedia, abgerufen 2026.
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