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Politik

Vom Corona-Widerstand zum Bruch

Vom Corona-Widerstand zum Bruch

Während der Corona-Zeit habe ich mich für eine freie Impfentscheidung eingesetzt. Mein Credo war eigentlich ziemlich einfach: Wenn du dich impfen lassen möchtest, dann lass dich impfen. Wenn ich mich nicht impfen lassen möchte, dann möchte ich mich nicht impfen lassen. Und jetzt lasst uns einen Weg finden, wie wir trotzdem miteinander leben können.

Die Geschwindigkeit, mit der sich unsere Gesellschaft damals veränderte und Menschen aufeinander losgingen, machte mir Angst. Ich hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen. Ich konnte nicht einfach zuschauen. Damals dachte ich, dieBasis könnte eine politische Antwort darauf sein. Eine neue Partei. Eine Bewegung. Ein Raum für Freiheit, Selbstbestimmung, Achtsamkeit, Dialog und echte Demokratie. Für mich wirkte sie wie eine Revolution. Eine spirituell geprägte Partei, die grundsätzlich etwas am System verändern wollte. Halleluja!

Ich kandidierte für dieBasis. Ich stand auf Platz sieben der Landesliste und wollte in den Bundestag einziehen. Gleichzeitig war ich Direktkandidatin in Tübingen. Ich führte 2021 Wahlkampf, während ich selbst am Existenzminimum lebte. Ich arbeitete in dieser Zeit nicht, weil ich meine gesamte Kraft und Zeit in den Wahlkampf brauchte. Und weil es sich für mich falsch anfühlte, das „System“ zu bekämpfen und gleichzeitig von ihm zu profitieren, nahm ich keine staatliche Unterstützung in Anspruch. Ich war vollständig auf mich selbst, auf Spenden und Schenkungen angewiesen. Es war existenziell. Es war eng. Es war kräftezehrend. Doch damals war mir jedes Opfer diese Sache wert.

Ich glaubte daran, weil ich für meine damaligen Stiefkinder eine bessere Welt schaffen wollte. Ich wollte ihnen später nicht sagen müssen: Ich habe zugeschaut. Ich wollte sagen können: Ich habe zumindest versucht, etwas zu verändern.

Danach war ich auch bei den Tübinger Montagsspaziergängen aktiv. Anfangs half ich bei der Organisation, später meldete ich die Veranstaltungen offiziell an. Ich unterstützte den Verein „Klinikpersonal steht auf“ beim Aufbau und sprach in Freiburg vor rund 3.000 Menschen. Dort warb ich für Unterschriften gegen die einrichtungsbezogene Impfpflicht. Ich war mittendrin. Nicht am Rand. Nicht als stille Beobachterin. Sondern an vorderster Front in dieser Zeit. Doch dieBasis kollabierte sehr schnell. Es kamen Menschen hinzu, die die ursprünglichen Werte nicht vertraten. Aus einer Bewegung, die für Selbstbestimmung, Dialog und Menschlichkeit stehen wollte, wurde innerhalb weniger Monate etwas, wofür ich nicht kandidiert hatte.

Im Sommer 2022 saß ich bei einem Grillfest mit Menschen aus diesem Umfeld. Mit Menschen, mit denen ich zwei Jahre lang für Toleranz, für die Akzeptanz einer Minderheit und für das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe gekämpft hatte. An diesem Abend musste ich mir die Frage anhören, ob ich mir schon einmal meine Traumata angeschaut hätte, weil ich homosexuell bin. Man könne so etwas schließlich behandeln.

Dieser Abend war für mich das Ende meiner sogenannten Widerstandszeit.

Ungefähr zur gleichen Zeit sah ich wie Menschen aus diesem Umfeld begannen vor Flüchtlingsunterkünften zu demonstrieren. Sie forderten, dass die dort lebenden Menschen „nach Hause“ gehen sollten. Es waren teilweise dieselben Menschen, die kurze Zeit zuvor noch von einer Menschheitsfamilie gesprochen hatten. Menschen, die selbst dafür gekämpft hatten, als Minderheit Teil einer Gesellschaft sein zu dürfen.

Da zerbrach etwas in mir.

Ich hatte für Gleichwürdigkeit gekämpft. Jeder Mensch hat ein Recht auf Würde – unabhängig davon, ob er geimpft oder ungeimpft ist, ob er deutsch ist oder nicht. Würde ist keine Belohnung für richtiges Verhalten. Sie ist die Grundlage unserer Existenz! Ich hatte für Minderheitenschutz gekämpft. Nicht dafür, dass Menschen, die selbst ausgegrenzt wurden, plötzlich andere Minderheiten ausgrenzen. Ich hatte für Selbstbestimmung gekämpft. Nicht dafür, dass Homosexualität wieder als behandelbare Folge eines Traumas betrachtet wird.

Ich verstehe, dass Menschen das Gefühl brauchen, ihr Leben und ihre Umgebung kontrollieren zu können. Wenn wir einen Schuldigen finden, der vermeintlich unter uns steht, kann es sich kurzfristig so anfühlen, als würden wir diese Kontrolle zurückgewinnen. Doch nur selten richtet sich unsere Wut gegen diejenigen, die tatsächlich für diese Situation verantwortlich sind. Ich verstehe den Wunsch, dass irgendjemand diesen Wahnsinn stoppen muss. Dass wieder Ordnung herrschen soll. Ich verstehe auch, warum viele Menschen das Vertrauen in Medien, Regierungen, Institutionen und Parteien verloren haben. Dieses Misstrauen ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Es hat Gründe.

Aber Zusammenhänge verstehen bedeutet nicht gleichzeitig, die Gleichwürdigkeit anderer Menschen infrage zu stellen. Mein Vater wurde in Algerien geboren. Ich war mit einem Marokkaner verheiratet und habe in einem sozialen Brennpunkt in Leipzig gelebt. Ich kenne die Herausforderungen, die entstehen können, wenn unterschiedliche Kulturen, soziale Not, Perspektivlosigkeit und unverarbeitete Traumata aufeinandertreffen. Ich sehe die Kriminalität. Ich sehe die Gewalt. Ich sehe die Dunkelheit.

Trotzdem werde ich niemals aufhören, nach menschlichen Lösungen zu suchen. Nach den Ursachen. Nach Möglichkeiten, die Würde des Einzelnen zurückzuholen und wieder aufzubauen.

Fehlende Würde ist für mich eine der tiefsten Wurzeln menschlichen Leids. Wer über Generationen hinweg lernen musste, dass das eigene Leben und die eigene Würde nichts zählen, verliert möglicherweise irgendwann selbst den Bezug dazu, was Würde überhaupt bedeutet. Das entschuldigt niemals ein Verbrechen. Kein Leid dieser Welt wird durch das Trauma eines anderen Menschen entschuldbar. Niemals.


Aber hier werden häufig zwei Ebenen vermischt.

Die erste Ebene ist die Gegenwart: Ein Mensch begeht eine Straftat, wird gewalttätig oder verletzt andere. Das muss benannt, verhindert, verfolgt und – wo es möglich ist – behandelt werden. Menschen müssen geschützt und Grenzen müssen gesetzt werden.

Die zweite Ebene ist die Wurzel: Wie entsteht ein Mensch, der so handelt? Welche Erfahrungen, gesellschaftlichen Bedingungen, psychischen Erkrankungen oder Traumata haben dazu beigetragen? Und welche politischen und wirtschaftlichen Systeme sorgen dafür, dass sich solche Entwicklungen wiederholen?

Es ist ein natürlicher Impuls, bei einer Überschwemmung zunächst die Tür zu schließen. Aber die geschlossene Tür löst nicht die Ursache der Überschwemmung. Das Wasser wird sich einen anderen Weg suchen. Das Problem verschwindet nicht. Es wird nur verschoben. Wir können weiter ausschließlich an Symptomen arbeiten und darauf vertrauen, dass strengere Grenzen, Abschottung und immer härtere Maßnahmen die Probleme lösen. Oder wir beschäftigen uns endlich mit dem gesamten System und mit den vielen Zahnrädern, die zu den Ergebnissen führen, die wir heute vor uns sehen.

Dazu gehören auch die Zahnräder, für die Deutschland und Europa selbst Verantwortung tragen.

Wer profitiert davon, dass andere Länder arm bleiben? Wer stärkt Diktatoren, die ihre Bevölkerung erniedrigen und ausbeuten? Wer liefert Waffen in Krisengebiete? Wer bezieht Rohstoffe unter Bedingungen, die Menschen ihre Lebensgrundlage nehmen? Wer trägt durch Handels-, Wirtschafts- und Außenpolitik dazu bei, dass sich Abhängigkeit und Perspektivlosigkeit verfestigen?

Viele dieser Zahnräder könnten wir schon morgen anders drehen. Aber wir tun es nicht, weil eine grundlegende Veränderung möglicherweise unser Wirtschaftswachstum, unsere Produktivität und unseren Wohlstand gefährden würde. Du kannst einen Hund nicht dauerhaft schlagen und dich anschließend darüber wundern, dass er beißt. Wer nur den Biss betrachtet und die vorausgegangenen Schläge verschweigt, erzählt nicht die ganze Geschichte.

Ich werde mein Mitgefühl nicht nach Flaggen sortieren. Ich weigere mich, ganze Bevölkerungen innerlich aus meinem Mitgefühl auszusortieren. Politische und wirtschaftliche Maßnahmen treffen nicht nur Regierungen. Sie treffen auch Familien, Alleinerziehende, ältere Menschen, Kinder und diejenigen, die ohnehin kaum Einfluss auf politische Entscheidungen haben.

Für mich sind nicht „die Russen“ der Feind. Nicht „die Ukrainer“. Nicht „die Israelis“. Nicht „die Palästinenser“. Nicht „die Geimpften“. Nicht „die Ungeimpften“. Nicht „die Migranten“. Und nicht „die Rechten“. Das Problem sind Systeme, die Menschen zu Objekten politischer Macht und wirtschaftlicher Interessen machen. Systeme, die davon profitieren, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen. Solange wir uns in diesen Kleinkriegen verfangen, schauen wir nicht dorthin, wo unsere Blicke eigentlich hingehören.

Ich will eine Gesellschaft, die Grenzen setzen kann, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren.

Und vielleicht ist das der Punkt, an dem ich heute stehe. Ich bereue nicht, dass ich damals für Selbstbestimmung eingestanden bin. Ich bereue nicht, dass ich Fragen gestellt habe. Ich bereue nicht, dass ich gegen Druck, Spaltung und Entmenschlichung war. Ich habe in dieser Zeit auch viele wundervolle Menschen kennengelernt, die bis heute zu meinem engsten Kreis gehören. Wir hatten eine intensive und teilweise unglaubliche Zeit.

Heute weiß ich klarer als damals, wofür ich aufstehen möchte. Für eine Gesellschaft, in der Würde nicht von Herkunft, Sozialen Status, Meinung, Impfstatus, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung abhängt. Für Menschen, die bereit sind, auch dort hinzusehen, wo es unbequem wird. Die Verantwortung übernehmen, ohne Schuldige zu brauchen. Die Grenzen setzen können und trotzdem menschlich bleiben.

Ich möchte verstehen, welche Systeme uns gegeneinander aufbringen – und wie wir sie verändern können. Ich glaube noch immer an Veränderung. Ich glaube an eine Gesellschaft, die Widersprüche aushält. Die Kritik zulässt. Die Verletzungen ernst nimmt. Die Ursachen untersucht. Und die keinen Menschen aus ihrer Vorstellung von Menschlichkeit streicht.

Dafür bin ich aufgestanden. Und dafür stehe ich heute noch.

Johanna Pardo

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