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Regenbogenflagge: Provokation oder Erinnerung?

Regenbogenflagge: Provokation oder Erinnerung?

Wie viele Diskussionen wegen einer Regenbogenflagge.

Ein Stück Stoff. Ein paar Farben. Und trotzdem reicht es, damit Menschen wütend werden, sich bedroht fühlen oder sofort sagen: „Muss das denn überall sein?“

Gleichzeitig nehmen queerfeindliche Straftaten in Deutschland seit Jahren zu. Die registrierten Fälle gegen sexuelle Orientierung und geschlechtliche Vielfalt haben sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Ich persönlich erlebe eine neue Form von Homophobie, die ich bis vor einigen Jahren so nicht wahrgenommen habe. Andere berichten von ähnlichen Erfahrungen.

  • Was passiert da gerade in unserer Gesellschaft?

  • Und wie finden wir wieder einen Weg zueinander?

Wer den Christopher Street Day nur als bunte, provokante Parade sieht, weiß vielleicht nicht, woher er kommt. Er kommt aus einer Zeit, in der queere Menschen sich verstecken mussten. Und das ist nicht so lange her, wie viele glauben. In Deutschland wurden homosexuelle Männer über Jahrzehnte durch §175 kriminalisiert. Erst 1969 wurde das Gesetz in der Bundesrepublik entschärft. Erst 1994 wurde der Paragraph endgültig gestrichen. Der CSD stammt aus einer Zeit, in der queere Menschen nicht einfach offen lieben, leben, feiern, tanzen oder Händchen halten konnten, ohne Angst vor Gewalt, Ausgrenzung oder staatlicher Verfolgung zu haben.

Im Juni 1969 kam es nach einer Polizeirazzia im Stonewall Inn in New York zu Aufständen. In der Christopher Street. Nicht, weil Menschen unbedingt Randale machen wollten. Sondern weil irgendwann der Punkt erreicht war, an dem genug genug war. Menschen, die viel zu lange gedemütigt, kontrolliert und aus dem öffentlichen Leben gedrängt wurden, blieben nicht mehr still.

Ein Jahr später gingen Menschen auf die Straße, um genau daran zu erinnern. Aus dieser Erinnerung entstanden weltweit Pride-Märsche. In Deutschland wurden daraus die Christopher Street Days.

Deshalb ist der CSD für mich nicht einfach eine Party. Auch wenn er feiern darf. Auch wenn getanzt werden darf. Auch wenn Glitzer erlaubt ist. Vielleicht sogar gerade deshalb. Denn wer jahrzehntelang lernen musste, sich zu verstecken, für den kann sichtbare Freude schon ein Akt von Würde sein.

Etwas, das nur hinter verschlossenen Türen existieren darf, kann nie Teil der Normalität werden.

Normalität entsteht nicht dadurch, dass Menschen unsichtbar bleiben. Normalität entsteht dadurch, dass Menschen im Alltag vorkommen dürfen. Auf der Straße. In Familien. In Filmen. In Schulen. In Gesprächen. In der Nachbarschaft. In der Liebe. Und genau dafür stand die Regenbogenflagge einmal sehr stark. Für mich war sie früher vor allem ein Erkennungszeichen. Als ich mich Anfang der 2000er Jahre geoutet habe, war die Regenbogenflagge nicht einfach Deko. Sie war kein Marketingmotiv. Kein Firmenlogo im Juni. Kein politisches Statement, das man mal eben irgendwo draufdruckt. Sie war ein Zeichen. Ein kleiner Aufkleber auf einem Auto konnte bedeuten: Da ist jemand wie ich. Da draußen gibt es mehr von uns. Wir sind nicht allein. Wir existieren nicht nur heimlich, nicht nur nachts, nicht nur in bestimmten Bars, nicht nur hinter geschlossenen Türen. Wir sind hier. Auf der Straße. Im Alltag. Im Verkehr. Im Leben.

Vielleicht klingt das heute für manche banal. Aber das war es nicht. Sichtbarkeit war nicht selbstverständlich. Für viele war sie Mut. Für manche war sie Risiko. Für andere war sie das erste Mal das Gefühl: Ich darf sein.

Die ursprüngliche Regenbogenflagge war übrigens nicht einfach nur bunt. Sie wurde 1978 von Gilbert Baker entworfen und hatte acht Farben. Jede Farbe hatte eine Bedeutung. Pink stand für Sexualität. Rot für Leben. Orange für Heilung. Gelb für Sonnenlicht. Grün für Natur. Türkis für Kunst und Magie. Indigo oder Blau für Harmonie. Violett für Geist. Da ging es nicht nur um Identität. Es ging um Leben. Heilung. Natur. Sexualität. Geist. Kunst. Harmonie. Also im Grunde um die ganze Breite menschlicher Existenz.Vielleicht ist die Regenbogenflagge deshalb so beliebt und wird heute von so vielen unterschiedlichen Gruppen, Firmen und Institutionen genutzt. Weil sie nicht nur sagt: Ich bin homosexuell. Oder queer. Oder anders. Sie sagt: Ich bin Mensch. Mit Körper. Mit Geist. Mit Liebe. Mit Sehnsucht. Mit Würde. Mit Licht und Schatten.

Und trotzdem löst dieses Stück Stoff bis heute enorme Abwehr aus.

Manche sagen: Muss das denn überall sein? Muss man das Kindern zeigen? Muss das vor Rathäusern hängen? Muss jeder Konzern im Juni sein Logo bunt machen? Muss man denn daraus so eine Show machen? Wenn Menschen sagen, die Regenbogenflagge werde inzwischen überall benutzt, dann stimmt daran etwas. Große Firmen, Politik, Institutionen und Organisationen haben das Symbol längst entdeckt. Manchmal aus echter Haltung. Manchmal aus Imagegründen. Manchmal wahrscheinlich auch, weil Vielfalt gerade gut aussieht.

Das muss man kritisieren dürfen.

Man darf fragen, ob es echte Solidarität ist, wenn ein Konzern im Juni sein Logo bunt macht, aber sonst wenig tut. Man darf Pinkwashing kritisieren. Man darf fragen, wer ein Symbol benutzt und wem es nützt. Man darf auch darüber sprechen, ob jede Darstellung auf einem CSD wirklich hilfreich ist. Ob es dem Anliegen dient, wenn die Bilder, die am Ende durch Medien und soziale Netzwerke gehen, vor allem aus nackter Haut, Fetisch-Outfits oder extremen Inszenierungen bestehen.

Gleichzeitig erinnere ich mich auch an andere Demos, die in den Medien in ein bestimmtes Licht gerückt wurden, weil vor allem die Ausschnitte gezeigt wurden, die empören. Ich war bei etlichen CSDs. Ich habe selbst eigene Wagen mit organisiert. Und ja: Es gibt extreme Bilder. Aber sie sind Randerscheinungen einer unglaublich bunten, freudigen und vielfältigen Parade.

Beides kann wahr sein.

Man darf bestimmte Bilder kritisch sehen.

Und man darf gleichzeitig erkennen, dass sie nicht das Ganze sind.

Gleichzeitig müssen wir ehrlich bleiben: Viele Menschen, die sich über „zu viel Regenbogen“ aufregen, leben selbst in einer Welt, in der Heterosexualität überall sichtbar ist. In Filmen. In Werbung. In Kinderbüchern. In Songs. In Familienfeiern. In Fragen wie: „Hast du schon einen Freund?“ oder „Wann heiratest du?“ In jedem Brautkleidgeschäft. In jedem Mutter-Vater-Kind-Bild. In jedem romantischen Happy End zwischen Mann und Frau. Heterosexualität ist überall. Nur nennt es niemand Aktivismus. Niemand sagt: Muss diese Mann-Frau-Liebe denn ständig gezeigt werden? Muss man Kinder damit konfrontieren? Muss denn jede zweite Werbung heterosexuell sein? Muss man das so zur Schau stellen? Nein. Weil es als normal gilt.

Liegt hier vielleicht ein blinder Fleck?

Wenn queere Menschen sichtbar werden, wirkt es plötzlich wie eine Botschaft. Wie eine Forderung. Wie eine Agenda. Provokation. Aber vielleicht fühlt es sich nur deshalb so laut an, weil es so lange leise sein sollte.

Dann gibt es noch diese andere Ebene. Die Ebene, auf der die Regenbogenflagge nicht mehr einfach ein Symbol für Sichtbarkeit ist, sondern Teil eines großen Plans. Great Reset. Agenda 2030. Umerziehung. Frühsexualisierung. Perversion der Gesellschaft. Das ganze Paket. Ja, ich verstehe, dass Menschen misstrauisch werden, wenn große Institutionen plötzlich dieselben Symbole benutzen, die früher aus einer echten Bewegung kamen. Ich verstehe, dass Menschen fragen: Wer nutzt das? Warum wird das jetzt überall gezeigt? Geht es wirklich um Menschen — oder um Macht, Image und Steuerung?

Diese Fragen muss man stellen dürfen.

Aber aus diesen Fragen darf nicht automatisch werden:
Queere Menschen sind Teil eines Plans, um die Gesellschaft zu zerstören.

Das ist der Punkt, an dem Sorge kippt. Man darf kritisch auf Macht schauen, ohne die Menschen zu bestrafen, die wirklich betroffen sind. Man darf Institutionen misstrauen, ohne die Würde einer Minderheit infrage zu stellen. Man darf Pinkwashing erkennen, ohne aus der Regenbogenflagge ein Feindbild zu bauen. Denn hinter dieser Flagge stehen Menschen.

Menschen, die geliebt haben und dafür bestraft wurden. Menschen, die sich versteckt haben. Menschen, die Familien verloren haben. Menschen, die Gewalt erlebt haben. Menschen, die gelernt haben, ihre Stimme zu senken, ihre Hand loszulassen, ihre Liebe zu verschweigen. Vielleicht ist die Regenbogenflagge also beides. Für manche eine Provokation. Für andere Schutz. Für manche ein politisches Symbol. Für andere ein Stück Zuhause. Für manche ein Reizthema. Für andere das erste Zeichen, dass sie nicht allein sind.

Wie wäre es, wenn wir uns wieder zuhören könnten?

Auf die, die sagen: Ich fühle mich überrollt. Auf die, die sagen: Ich fühle mich endlich gesehen. Auf die, die sagen: Ich habe Angst, dass hier etwas instrumentalisiert wird. Und auf die, die sagen: Ich hatte mein ganzes Leben Angst, überhaupt sichtbar zu sein. Hier beginnt vielleicht unsere Chance.

Und deshalb ist die Regenbogenflagge für mich nicht nur Aktivismus.
Sie ist Erinnerung. Vielleicht sogar ein Mahnmal.

Weil sie daran erinnert, dass Menschen viel zu lange beschämt, bedroht, ausgeschlossen oder angegriffen wurden, nur weil sie lieben, wen sie lieben. Nie wieder darf Gewalt angewendet werden, weil ein Mensch liebt.

Sie könnte ein Symbol für uns alle sein. Eine Erinnerung daran, dass Menschen andere Menschen nicht unterdrücken dürfen. Egal weswegen. Egal wodurch. Egal durch wen.

Sie könnte unsere gemeinsame Flagge für Freiheit werden.

Genau deshalb würde ich sie nicht abhängen. Ich würde sie überall aufhängen.

Damit wir nie wieder vergessen.

Nachdenklich,
Johanna Pardo

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