Krank sein unter Verdacht

Im Juli 2026 wurde bekannt, dass die Bundesregierung plant, die Regeln für Krankschreibungen zu verschärfen: Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung soll künftig schon ab dem ersten Krankheitstag verpflichtend werden, außerdem soll die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden. Begründet wird das unter anderem mit hohen Krankenständen und dem Verdacht auf Missbrauch.
Wenn ich solche Nachrichten lese, platzt mir mal wieder der Arsch. Echt.
Da will unser geliebter Kanzler kranke Menschen ab dem ersten Tag zum Arzt schicken, damit bloß niemand betrügt. Ernsthaft? Das ist doch eine Erziehungsmaßnahme aus dem letzten Jahrhundert. Wie ein strenger Vater, der sagt: „Wenn ihr nicht artig seid, werden die Regeln eben härter.“
Natürlich gibt es Missbrauch. Natürlich gibt es Menschen, die Systeme ausnutzen. Die gibt es immer. Bei Steuern. Bei Fördergeldern. Bei Arbeitszeiten. Bei Krankmeldungen. Aber mich macht dieses Menschenbild wütend. Wenn Menschen sich häufiger krankmelden, wäre meine erste Frage nicht: Wie kontrollieren wir sie besser? Meine erste Frage wäre: Warum?
Warum sind so viele Menschen müde? Warum sind sie erschöpft? Warum sind sie antriebslos? Warum verlieren so viele den Bezug zu ihrer Arbeit, zu ihrem Körper, zu ihrer Kraft, zu ihrer Hoffnung? Wann entwickeln wir uns von der Schimpansen-Phase in die nächste? Wann kommt der Punkt, an dem eine Regierung im Jahr 2026 mal etwas Neues probiert und genauer hinschaut? Nicht nur auf Zahlen. Nicht nur auf Krankenstände. Nicht nur auf Kosten. Nicht nur auf die Frage, wie man Menschen wieder schneller in die Spur bekommt. Sondern auf die Frage: Was macht diese Spur eigentlich mit ihnen?
Wir leben in einer Zeit, in der Menschen seit Jahren durch Krisen laufen. Pandemie. Kriege. Inflation. Zukunftsangst. Klimakrise. Politische Radikalisierung. Dauerstress. Informationsflut. Dazu Arbeit, die immer dichter wird. Schneller. Digitaler. Messbarer. Effizienter. Immer weniger Mensch, immer mehr Kennzahl. Und dann wundern wir uns, dass Menschen nicht mehr können? Dass sie morgens aufwachen und denken: Ich schaffe das heute nicht? Dass sie innerlich längst ausgestiegen sind? Dass sie sich fragen: Wofür eigentlich noch?
Ich weiß: Ein Staat muss Regeln haben. Ein System braucht Grenzen. Arbeitgeber brauchen Planungssicherheit. Kleine Betriebe leiden, wenn Mitarbeitende ausfallen. Teams geraten unter Druck, wenn ständig jemand fehlt. Das ist alles real. Aber Regeln, die aus Misstrauen entstehen, lösen selten das tiefere Problem. Am Ende sagt diese Pflicht: "Grundsätzlich glaube ich dir schonmal gar nix, und dass du mich betrügen willst. Also beweise, dass dem nicht so ist und schleppe dich mit 40 Grad durch Schneee und Regen, schlepp dein kleines Baby mit und bring uns den Beweis, dass du kein Verräter bist! Du bist krank? Beweis es. Dein Körper sagt Stopp? Dann stell dich bitte ins Wartezimmer. Du hast Fieber, Migräne, Erschöpfung, Magen-Darm, Panik, Kreislauf, was auch immer? Dann organisier dich erstmal zum Arzt. Setz dich in die Bahn. Setz dich ins Auto. Setz dich zwischen andere kranke Menschen. Hol dir den Zettel.
Was macht das mit Arztpraxen, die ohnehin schon am Limit sind? Mit Menschen, die wirklich medizinische Hilfe brauchen? Mit Ärztinnen und Ärzten, die nicht noch mehr Bürokratie brauchen, sondern Zeit für Patienten? Wir tun dann so, als hätten wir ein Problem gelöst, und haben am Ende nur neue Warteschlangen produziert. Mehr Kontrolle. Mehr Papier. Mehr Misstrauen. Mehr Druck. Aber nicht mehr Gesundheit.
Was mich daran am meisten stört, ist diese alte Straflogik. Dieses Denken: Wenn Menschen sich nicht so verhalten, wie wir es wollen, müssen wir die Regeln verschärfen. Dann müssen wir enger führen. Härter kontrollieren. Mehr Druck machen. Das ist Pädagogik von 1800. Und politisch ist es genauso billig.
Natürlich, es ist viel einfacher, über angebliche Blaumacher zu sprechen, als über kaputte Arbeitswelten. Es ist einfacher, Menschen unter Verdacht zu stellen, als ehrlich zu fragen, warum so viele keine Kraft mehr haben. Warum so viele innerlich leer sind. Warum so viele nur noch funktionieren. Warum so viele morgens nicht motiviert sind, sondern betäubt. Warum Arbeit für viele nicht mehr Sinn, Teilhabe oder Würde bedeutet, sondern Druck, Fremdbestimmung und Erschöpfung.
Vielleicht liegt es an Arbeitsbedingungen. An schlechter Führung. An sinnlosen Aufgaben. An ständiger Erreichbarkeit. An Löhnen, die nicht reichen. An Zukunftsangst. An einem Wirtschaftssystem, das Menschen ständig erzählt, sie müssten mehr leisten, schneller werden, flexibler sein, dankbarer sein — während oben gleichzeitig mit beiden Händen Geld aus dem Fenster geworfen wird. Und dann kommt Politik und sagt: Bringt mal ab Tag eins einen Zettel vom Arzt.
Ich erwarte von einer modernen Regierung, dass sie hinschaut. Dass sie Ursachen sucht. Dass sie versteht, dass Krankheit nicht nur ein Kostenfaktor ist, sondern ein Signal. Ein Signal aus der Gesellschaft. Aus Körpern. Aus Betrieben. Aus Familien. Aus einer Gesellschaft, die vielleicht längst über ihre Grenzen lebt. Vertrauen ist die Grundlage dafür, dass eine Gesellschaft in Krisenzeiten nicht komplett kollabiert und sie gut durchsteht. Was wir jetzt brauchen ist Zusammenhalt und kein Misstrauen! Eine Gesellschaft, in der jeder erst beweisen muss, dass er nicht betrügt, wird nicht gesünder. Sie wird härter. Kälter. Misstrauischer. Und wahrscheinlich noch kränker.
Vielleicht wäre moderne Politik, nicht nur zu fragen: Wie senken wir Krankenstände? Sondern: Wie machen wir Arbeit wieder sexy? Wie stärken wir mentale Gesundheit? Wie schaffen wir Arbeitsbedingungen, die Menschen nicht dauerhaft gegen ihre eigene Lebendigkeit leben lassen? Wie ermöglichen wir Pausen, bevor Körper zusammenbrechen? Wie führen wir Unternehmen so, dass Menschen nicht erst krank werden müssen, um Grenzen setzen zu dürfen?
Das wären Fragen für eine moderne Regierung.
Nicht: Wie erziehen wir die Leute wieder zum Funktionieren?
Sondern: Wie gestalten wir Arbeit so, dass Menschen gerne zur Arbeit gehen?
Die höchsten Krankenstände hatten wir früher bei den Mitarbeitenden, die innerlich gekündigt hatten.
Eine erschöpfte Gesellschaft braucht nicht noch mehr Kontrolle. Sie braucht Gründe, wieder aufzustehen. Sie braucht Sinn. Sie braucht Luft. Sie braucht Führung, die Menschen nicht wie Maschinen behandelt. Sie braucht Gesundheitsversorgung, die erreichbar ist. Sie braucht Arbeitgeber, die nicht erst reagieren, wenn Menschen ausfallen. Sie braucht Politik, die nicht nur Symptome verwaltet, sondern Ursachen ernst nimmt.
Ich glaube nicht, dass Menschen überhaupt dauerhaft faul sein können. Aber ich glaube, dass sie müder werden können, antriebsloser, hoffnungsloser. Sie haben zu lange versucht, respektvoll in Systemen zu funktionieren, die ihnen selbst kaum noch Respekt entgegenbringen.
Die steigende Zahl an Krankmeldungen ist nicht ein Problem, das wir über Kontrolle lösen.
Sie ist eher eine Nachricht, die wir hören sollten.
Nachdenklich,
Johanna Pardo
Kommentare.
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