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Politik

Gendern muss doch echt nicht sein – oder?

Gendern muss doch echt nicht sein – oder?

Unsere Sprache ist ein mächtiges Werkzeug. Worte können nachhaltiger verletzen, als ein Fausthieb es jemals könnte. Kriege werden ausgerufen, weil Worte provoziert haben. Scheidungen und Trennungen entstehen, weil im Streit etwas Verletzendes gesagt wurde. Und manche von uns tragen bis heute eine bestimmte Meinung über sich selbst in sich, weil ihnen in der Kindheit Dinge gesagt wurden, die sie irgendwann als Wahrheit übernommen haben.

Worte sind machtvoll, oder?

Ich finde, die Gabe, kommunizieren zu können, ist ein Geschenk der Götter. Es ist ein Wunder.

Unser Gehirn formt blitzschnell Gedanken, zieht daraus Erkenntnisse, formt Wörter, reiht sie zu Sätzen aneinander und befähigt unsere Zunge und unseren Mund dazu, daraus Laute zu machen, die am Ende sogar meistens Sinn ergeben und von unserem Gegenüber verstanden werden können.

Wow.

Und manchmal gehen wir mit einem Wunder nicht besonders achtsam um, hm? Wenn wir etwas jeden Tag nutzen, entsteht oft ein Automatismus, den wir irgendwann gar nicht mehr hinterfragen. Warum müssen Socken eigentlich immer gleich sein? Wir übernehmen das einfach, ohne den Sinn zu hinterfragen, quälen uns durch unzählige Stunden der Sockensortiererei und ziehen am Ende doch zwei unterschiedliche an.

Aber zurück zu unserer Sprache. Unsere Sprache ist Ausdruck unserer Geschichte, unserer Prägungen, unserer Traumata und unserer Überzeugungen. Deshalb ist es wichtig, dass wir sie hinterfragen, über sie diskutieren und uns die Automatismen dahinter bewusst machen. Nicht, um Menschen zu bevormunden, sondern um Bewusstsein zu schaffen.

Wenn wir uns die deutsche Sprache anschauen, erkennen wir in ihr auch unsere Geschichte. Wir müssen gar nicht viel darüber sprechen. Wir müssen nur genau hinhören. Unsere Sprache erzählt diese Geschichte von selbst. Wir kommen aus einer Zeit, in der das Weibliche wenig Wert hatte. Unsere Sprache erzählt von Unterdrückung, Schmerz und Ausgrenzung. Sie erzählt von einer Zeit, in der Frauen für viele selbstverständliche Entscheidungen noch von ihren Ehemännern abhängig waren und ihnen ein selbstbestimmtes Leben rechtlich und gesellschaftlich erschwert wurde. Bis 1977 war die Erwerbstätigkeit einer Ehefrau gesetzlich noch an ihre Pflichten in Ehe und Familie gekoppelt. Eheliche Vergewaltigung wurde in Deutschland erst 1997 eindeutig als Vergewaltigung strafbar. Sie erzählt von einer Zeit, in der Frauen häufig eher als Ware betrachtet wurden als als eigenständige Menschen. Wir blicken auf mindestens 2.000 Jahre zurück, in denen Frauen auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands nicht als gleichberechtigte und vollständig selbstbestimmte Menschen behandelt wurden.

Ich verstehe, dass das schmerzt. Ich verstehe, dass wir da nicht hinschauen möchten. Und ich verstehe auch, dass es zu wenige Menschen gibt, die sagen: „Hey, das ist doch das eigentliche Thema. Nicht Gendern mit der Brechstange. Nicht Menschen zu verurteilen, weil sie kein Sternchen benutzen. Sondern miteinander darüber zu sprechen, worum es eigentlich geht. Wir haben etwas aufzuarbeiten, Leute.“

Wir können doch nicht so tun, als hätte es diese Zeit nie gegeben. Wie viel reden wir über den Zweiten Weltkrieg, den Ersten Weltkrieg, über Nazis, Migration, Gendern und Klimawandel? Aber über die systematische Unterdrückung von Frauen, die über Jahrtausende hinweg stattgefunden hat, sprechen wir vergleichsweise wenig. Warum?

Und wenn wir uns unsere Vergangenheit anschauen, die Entbehrungen unserer Ahninnen, ihre Kämpfe und ihre Opfer, durch die wir heute freier und selbstbestimmter leben können, dann könnten wir uns doch wenigstens einmal auf den Arsch setzen und gemeinsam überlegen, wie wir unsere Sprache so gestalten können, dass sie diesen Frauen gerecht wird. Dass sie unsere Omis ehrt. Dass sie dem gerecht wird, wofür unsere Omas und Uromas gekämpft haben oder zumindest ihren Entwürdigungen, Abhängigkeiten und Einschränkungen so etwas wie Sinn zu geben. Wir sind als Nachfahren verpflichtet ihren Weg zu Ende zu gehen. Bis zum Ende.

Doch stattdessen heulen wir rum, weil wir uns angeblich in unserer Selbstbestimmung eingeschränkt fühlen und uns nicht bevormunden lassen wollen. Eine wirklich tapfere Generation. Gut. Auch ich stelle viele Entscheidungen auf Regierungsebene infrage. Ich kann die Art und Weise kritisieren, wie Veränderungen durchgesetzt werden. Ich kann Regeln, Verbote und moralischen Druck ablehnen.

Aber ich möchte mich davon nicht blenden lassen und vergessen, worum es eigentlich geht.

Ich glaube, dass sich Sprache ganz automatisch und natürlich weiterentwickelt, wenn das Bewusstsein für bestimmte Themen vorhanden ist. Statt Gendern mit der Brechstange durchzuhauen und zu erwarten, dass sich alle fügen, wäre es vielleicht zielführender, unser Bewusstsein für dieses Thema zu erweitern. Dass wir uns als Gesellschaft überhaupt einmal darauf einlassen. Nicht nur in irgendeinem Forum am Wochenende. Nicht nur in hitzigen Debatten im Internet. Sondern im Alltag.

Nein, es geht nicht nur ums Gendern. Es geht um Entrechtung, Abhängigkeit, Vergewaltigung, Demütigung, Armut und Gewalt. Es geht um Unsichtbarkeit. Es geht darum, diese Geschichte aufzuarbeiten, neue Wege zu bereiten und diese Veränderung irgendwann auch durch unsere Sprache zum Ausdruck zu bringen.

Herzlich,
Johanna Pardo

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