Eine neue Kultur des Menschseins

Nachdem ich mich aus den Zwängen der Zeugen Jehovas befreit hatte, hatte ich ein paar Jahre nicht viel mehr im Kopf, als viel Geld zu verdienen und zu feiern. Das war mein Lebensinhalt. Ich war überzeugt, dass ich dadurch Glück, Freiheit und Zufriedenheit erlangen würde. „Auf das Leben, die Liebe und die Freundschaft! Prost, ihr Säcke!“

Vor 11 Jahren hatte ich dann, durch einen Burnout ausgelöst, eine Form von Erwachungs-Moment. Das ist gar nicht so esoterisch gemeint, wie es auf den ersten Blick wirken könnte. Es war eher ein plötzliches Erkennen und Verstehen, dass die Welt nicht so ist, wie ich bis dahin dachte. Ein tiefes Verstehen, dass es um so viel mehr gehen muss als das, was ich bis dato lebte. Kann es wirklich sein, dass es in meinem Leben nur um Arbeiten, Feiern und Urlaub ging? Ist das alles? Wie werde ich auf mein Leben zurückblicken, wenn ich auf dem Sterbebett liege und mich frage: Wie hast du dein Leben gelebt? Wird mir die Antwort reichen: „Ich war eine gute Angestellte, habe meinen Job verrichtet, war zwei Mal im Jahr im Urlaub,“ – während unsere Welt um uns herum im Chaos versinkte? Oder werde ich wissen wollen, wie mein ganz persönlicher Beitrag zu dieser Zeit aussah? Habe ich einfach weggeschaut, mein Leben gelebt und gehofft, dass es schon besser werden wird? Hat all das wirklich nichts mit mir zu tun und stimmt es, dass ich wirklich nichts tun kann, um unseren Kindern eine lebenswertere Welt zu verschaffen?

Die Suche nach meinem Beitrag

Wer mir seitdem folgt, weiß, dass ich fast nichts ausgelassen habe, um DEN/MEIN Beitrag zu finden, den ich leisten konnte, um diese Welt zu einem schöneren Ort zu machen. Und gleichzeitig fand ich ihn nie dauerhaft. Bis vor Kurzem nicht. Genau das hat mich die letzten Monate immer wieder sehr traurig und mutlos gemacht. Ich wusste einfach nicht mehr, was ich tun konnte. Alle meine Ideen und Projekte, die ich mit Herzblut, Einsatz und einem hohen Invest ins Leben brachte, versandeten nach einer gewissen Zeit und ließen mich kraftlos zurück.

Klar, immerhin habe ich meine Geschichte aufgeschrieben, möchte durch sie zu neuen Sichtweisen inspirieren und lade ein, in einen Austausch dazu zu kommen. Gleichzeitig merke ich, wie unterschiedlich Menschen dieses Buch lesen und dass nur einige wirklich den Kern kriegen, warum ich es so geschrieben habe, wie ich es geschrieben habe. Und angesichts dessen, dass wir von Krieg, Lügen und Machtmissbrauch umgeben sind, welchen Sinn hat es, dieses Buch überhaupt in die Welt zu bringen?

Mein alter Kumpel von Selbstzweifeln klopfte wieder tüchtig an der Tür…

Ein Bibel-Vers aus meiner Kindheit

Gestern hatte ich plötzlich wieder einen meiner Lieblings-Bibelverse aus meiner Kindheit in meinen Gedanken. Der Vers, den ich als Kind immer und immer wieder las und der mich damals regelmäßig zu Tränen rührte: Offenbarung 21:3,4: „Eine gewaltige Stimme hörte ich vom Thron her rufen: ›Hier wird Gott mitten unter den Menschen sein! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Ja, von nun an wird Gott selbst in ihrer Mitte leben. Er wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.‹“

Die Zeugen nutzen diesen Text, um das Ende der Zeit zu beschreiben und dass am Tag X alles plötzlich anders wird.

Doch was bedeutet dieser Vers heute für mich und 
warum kam er mir jetzt plötzlich wieder in den Sinn?

Martin Buber und das „Zwischen“

In den letzten Wochen habe ich mich durch „Zufall“ mehr mit dem jüdischen Philosophen Martin Buber auseinandergesetzt und mit den Inhalten seines Buches „Ich & Du“, das er 1923 veröffentlicht hat. Auch Gerald Hüther nutzt einige dieser Thesen in seinen Werken. In einer Welt, in der wir einander schnell zu Objekten machen, die wir für den eigenen Vorteil benutzen, fordert Buber uns heraus, den anderen wieder als ganzheitliches Universum zu verstehen, uns mehr in der Präsenz zu üben, wenn wir einander begegnen.

Buber beschreibt, dass das Göttliche im „Zwischen“ entsteht – im Raum der echten Begegnung zwischen zwei Menschen. Wenn Menschen sich wirklich sehen, einander zuhören und den Schmerz des anderen berühren, entsteht ein Moment, der über das Alltägliche hinausgeht. Es ist, als wenn in diesen Momenten etwas heil wird, das einige als heilig oder als göttlich bezeichnen würden.

Berührt durch diese Gedanken habe ich den Vers der Offenbarung noch einmal neu gelesen und die Erkenntnis daraus tief in mich eindringen lassen. Wenn ich Gott nicht mehr als ein Wesen außerhalb von mir wahrnehme und verstehe, sondern als etwas, das durch uns entsteht, lesen sich diese Verse auf eine ganz neue Art und Weise.

Eine neue Sichtweise

„Hier wird Gott mitten unter den Menschen sein! (…) Ja, von nun an wird Gott selbst in ihrer Mitte leben.“ Ich kann es aus meinen Erfahrungen voll und ganz bestätigen. In allen Räumen, Gruppen und Sitzungen, die ich bis jetzt erleben durfte, entsteht wirklich etwas Unbeschreibliches, wenn Menschen sich echt und wahrhaftig begegnen. Wenn sie wirklich präsent mit ihrem Gegenüber da sind, ohne ihn zu therapieren, ohne eine noch bessere Geschichte erzählen zu müssen, sondern nur in echter Verbindung. Das, was in dem Raum ist, ist nicht von dieser Welt. Ich kann bestätigen, dass es sich heilig, vielleicht sogar göttlich anfühlt.

„Er wird alle Tränen abwischen“ – beschreibt das, was in diesen Begegnungen geschieht: Wenn ein Mensch den Schmerz eines anderen wirklich wahrnimmt und bei ihm ist, geschieht genau dieses Bild – Tränen werden abgewischt. Trost wird gespendet, weil ich mit allem, was in mir ist, da sein darf.

„Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.“ Der Tod bleibt natürlich eine irdische Tatsache – aber welche Bedeutung hat der Tod noch, wenn wir wirklich miteinander Gott erleben? Beschreibt dieses Erlebnis nicht eine Welt, in der das, was uns verletzt und begrenzt, nicht mehr das Entscheidende ist?

Buber sagte: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

Der Kern von vielen Lehren

In so vielen psychologischen Lehren und Werken wird dieser Ansatz aufgenommen, vielleicht weniger mit dem spirituellen Ansatz, jedoch bleibt der Kern immer der gleiche. In echten Begegnungen findet Heil(ung) statt.

Der berühmte Psychologe Carl Rogers, Begründer der klientenzentrierten Therapie, stellte fest: „Menschen heilen nicht primär durch Ratschläge, Diagnosen und Interpretationen, sondern durch eine Beziehung, in der sie wirklich gesehen, akzeptiert werden und in der ihnen ehrlich begegnet wird.“

Gopal Norbert Klein mit seinem traumabasierten Ansatz des Ehrlichen Mitteilens sagt Ähnliches: „Nur durch Räume, in denen wir ehrlich mitteilen können, was uns bewegt, werden neue Erfahrungen in uns ermöglicht, die alte schmerzvolle Erfahrungen überschreiben.“ 

Gerald Hüther beschreibt immer wieder, dass wir einander zu Objekten machen: Jedes Kind kommt als Subjekt zur Welt. Doch mit der Zeit wird es zum Objekt von Erwartungen, Bewertungen und Vorstellungen anderer.

Wenn echte Begegnungen seltener werden, verlieren Menschen eine Quelle von Sinn, Tiefe und Verbundenheit. Sie verlieren Gott. Sie verlieren sich.

Und genau das fühle ich, wenn ich auf diese Welt blicke.

Eine Welt ohne echte Begegnung

Was wird alles getan, damit wir nicht in echte Begegnung kommen können? Wie entfernt sind wir voneinander? Wie viel Einsamkeit gibt es zur Zeit auf dieser Welt? Mit jedem Spaltungsthema, das uns vor die Füße geworfen wird, erleben wir noch mehr Einsamkeit, noch mehr Rückzug, noch mehr Schmerz. Alle meine Projekte und Ideen und auch die von vielen anderen Menschen scheitern nie wegen der Ideen, sondern weil Menschen aufhören, sich wirklich zu begegnen. Weil uns Gott fehlt. Präsenz. Im Miteinander. Bedingungslos.

So viele Ablenkungen. Durch unsere eigenen Muster, durch das, was auf der Welt passiert, durch das, was ich machen muss, um zu überleben, durch Social Media, durch Erwartungen und Regeln. Alles Ablenkungen vor dem Göttlichen, das im ehrlichen Miteinander entstehen könnte.

Meine Suche nach Gott

Ich schaue auf mein Leben und auf die Gründe, warum ich seit Kindesbeinen nicht an den Gott glauben konnte, den meine Eltern anbeteten. Ich fühle meinen lebenslangen Schmerz, den ich immer und immer wieder fühlte, wenn ich die Oberflächlichkeit in der Gesellschaft und in Beziehungen wahrnahm. Jetzt verstehe ich es. Ich war auf der Suche nach Gott, durch wahrhaftige Begegnungen mit anderen Menschen.

Wie kann echte Begegnung zwischen Menschen überhaupt entstehen, wenn Meinungen, Regeln, Gesetze und Moral den Menschen vorab verurteilen? Wenn wir uns selbst richten und so vieles zurückhalten, was zu einer ehrlichen Begegnung führen könnte. Wann werden wir uns wieder wirklich als Subjekt, als das unendliche Universum wahrnehmen können, das wir sind?

Meine Eltern haben mir jahrzehntelang vorgeworfen, dass ich mich von dem Weg Gottes entfernt habe, dabei frage ich mich, ob sie ihn jemals wirklich erfahren durften.  

Und so schließt sich der Kreis und ich verstehe auf einer so viel tieferen Ebene, dass ich eigentlich seit immer schon genau das tue, wofür ich hierher gekommen bin.

Gott ist für mich nichts mehr, das ich im Außen finde, sondern etwas, das ich selbst erschaffe, in direkter Beziehung zu dir. In der vollen Präsenz und Hingabe an dich und uns. Mag sein, dass meine Bemühung, diese Verbindungen aufzubauen, immer wieder misslungen ist, weil ich selbst durch meine Muster abgelenkt war und mein Herz verschlossen hatte, nicht präsent sein konnte, doch ich verstehe meine Sehnsucht dahinter und den roten Faden durch all meine Handlungen. 

Die Veröffentlichung meines Buches und darüber in einen ehrlichen Austausch zu kommen, der Türen in uns allen öffnen kann, ist mein verletzlichster und intensivster Beitrag in dieser Zeit.

Eine neue Kultur des Menschseins

Was passiert mit Menschen in einer Zeit, in der vieles getan wird, damit wir isoliert und einsam verzweifeln, und die wieder zueinander finden? Nicht weil sie gleich sind oder in allen Aspekten einig, sondern weil sie sich wieder als Subjekt wahrnehmen können und dadurch an etwas Größeres erinnert werden? Was passiert mit einer Gesellschaft, die genau das Gegenteil tut von dem, wo man uns hinhaben möchte?

Wir können eine neue Kultur des Menschseins möglich machen. Eine Kultur, die wirklich etwas Neues in die Welt bringt. Dabei ist es nicht von Bedeutung, eine riesige Vision oder ein riesiges Projekt ins Leben zu rufen, sondern den nächsten Menschen, den wir treffen, ganz simpel zu fragen: „Wann hat dir zuletzt jemand wirklich zugehört?“ 

Und dann nur den Raum halten und präsent sein. 

Keine klugen Ratschläge. 
Keine Therapie. 
Keine Geschichte von sich selbst erzählen. 

Nur mit ihm sein und ihn wahrnehmen.

That’s all.. 
And the Magic will come..

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