Migration und Heimat Teil 1

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Ich war 20 Jahre alt, als ich ihn an einem heißen Sommertag in Stuttgart zum ersten Mal sah. Es war, als ob mich inmitten der Menschenmenge ein paar strahlend weiße Zähne anstrahlten. Unter all den Menschen, die dort waren, war er definitiv der Schönste. Es dauerte nicht lange, da sprach er mich an, wir tranken etwas zusammen, verbrachten die Nacht tanzend 💃🕺und küssend und verabredeten uns für ein baldiges Wiedersehen.

7 Monate später war ich seine Frau. Er, der 31-jährige Student aus Münster, der aus Marokko stammte und einen Ferienjob bei Bosch in Stuttgart machte. Ich, die 20-jährige Johanna, die einen Ausweg aus der Sekte suchte. Ich mochte ihn. Er war ein netter Kerl. Aber wahrscheinlich hätte ich ihn unter anderen Umständen nicht so schnell geheiratet.

Kurz nach unserer Hochzeit flogen wir nach Marokko, damit ich seine Familie und sein Heimatland kennen lernen konnte. Ich hatte noch die Warnungen meines Vaters im Kopf, dass ich auf meinen Pass aufpassen müsse und dass meine Entscheidung, ihn zu heiraten, mein Untergang sein würde. Natürlich kamen wir aus verschiedenen Kulturen. Er war erst vier Jahre in Deutschland, als ich ihn kennenlernte, und die Erinnerungen an sein Leben in Marokko waren noch sehr frisch. Trotzdem hatten wir die Basis von Respekt und Wertschätzung füreinander. Theoretisch wusste ich natürlich, wie unterschiedlich unser Leben und unsere Kultur waren, aber so richtig verstehen konnte ich es erst, als ich Marokko kennengelernt hatte.

Ich weiß noch, wie ich am Flughafen panisch nach Wimperntusche und Schminke suchte, die ich zu Hause vergessen hatte. Gott sei Dank fand ich alles im letzten Duty-Free-Shop. Puh. Nicht auszudenken, wenn meine Schwiegermutter mich zum ersten Mal sieht und ich scheiße aussehe. Ich war unglaublich aufgeregt. Es war das erste Mal, dass ich Europa verließ und dann auch noch mit einem Mann, den ich kaum kannte. „Alles wird gut werden.“ In mir ein unerschütterliches Vertrauen, dass ich beschützt war. Oder?

2,5 Stunden später landeten wir in Agadir. Zuerst genoß ich die warme Luft, die mir entgegenwehte. Ein wunderschönes Land. In meiner naiven und jugendlichen Unbekümmertheit freute ich mich einfach auf 2 Wochen Urlaub in der Sonne. Vom Flughafen zu seinen Eltern mussten wir eine 10-stündige Busfahrt über uns ergehen lassen. Plötzlich und frontal wurde ich mit dem ursprünglichen Leben in Marokko, fernab vom Tourismus, konfrontiert. Armut, Hunger, Leid, Trauer, Verzweiflung. Direkt vor meinen Augen. Ich war schockiert.

Als ich mir z.B. an einem Obststand ein paar Bananen kaufte und mich auf den Weg zum Bus machen wollte, kam mir ein kleines Kind entgegen, etwa 4 Jahre alt. Es hatte ein schmutziges Gesicht und traurige Augen. Ich verstand nicht, warum es auf mich zu rannte und blieb deshalb stehen. Als es zu mir kam, riss es mir die Bananen aus der Hand und rannte so schnell weg, wie es gekommen war. Ich blieb mit offenem Mund und Tränen in den Augen zurück. Wie konnte ich mir vor ein paar Stunden noch Sorgen um mein Make-up gemacht haben? Zurück im Bus erzählte ich meinem Mann ganz aufgeregt, was gerade passiert war, als er mir müde lächelnd auf den Oberschenkel klopfte und sagte: „Willkommen in Marokko“.

Ich schämte mich für meinen verwöhnten Arsch und dafür, dass ich meine Probleme bis dahin für die schlimmsten und schwierigsten der Welt gehalten hatte. Diese Reise hat mich für immer verändert. Vor allem hatte ich mir geschworen, dass mein Mann nie wieder nach Marokko zurückkehren musste, wenn er es nicht wollte. Niemand sollte im Jahr 2000 unter solchen Bedingungen leben müssen.

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Schon als Kind habe ich nicht verstanden, warum die einen so viele und große Chancen haben, sich ein würdiges Leben aufzubauen, während die anderen von Geburt an zu Armut und Leid verdammt sind. Ist das einfach eine Tatsache, die sich nicht ändern lässt? Vor allem Afrika ist seit jeher „Opfer“ dieses Ungleichgewichts. Ist das einfach so? Deckel drauf, dann geht’s schon? Was ist los mit Afrika? Warum suchen so viele Menschen den Weg zu uns? Die Antworten würden weitere 10 Seiten füllen. Unterm Strich ist es eine Mischung aus Diktaturen aus dem eigenen Land, die die Menschen immer noch, wie Sklaven behandeln und z.B. schon Teenager in Militärlager stecken (siehe z.B. Eritrea) und unserer westlichen Arroganz und Politik, die die Industrie und den Handel des Kontinents systematisch zerstört (z.B. Handel mit Secondhand-Kleidung aus Europa).

Die Dinge beginnen schief zu laufen, wenn das Ungleichgewicht innerhalb einer Wertegemeinschaft zu groß wird. Wenn der Nachbar mehr Rechte hat als ich, fange ich irgendwann an, das ungerecht zu finden. Wenn alle gleich arm oder gleich reich sind, gibt es statistisch gesehen weniger Vorfälle in einer Gemeinschaft. Wenn die Ungerechtigkeit anhält, habe ich vielleicht noch nicht den Mut, mich zu wehren, aber meine Kinder schon. Früher hat man nicht sofort gewusst, wie es dem Nachbarn geht, aber heute hat fast jeder ein Smartphone und die Welt ist vernetzt. Warum ist mein Land zu Armut und Dreck verdammt, während die Menschen in Europa auf dem Rücken meiner Vorfahren im Reichtum baden?

Genau an diesem Punkt stehen wir in der Geschichte. Unterschiedliche Kulturen, mit unterschiedlichem Zorn und Schmerz in der Brust, auf der Suche nach einem kleinen Stück Sicherheit, Geborgenheit und Glück. Mit dem Wunsch, ihre Geschichte zu verändern.

Ja, vielleicht werden diese Menschen sogar wie Marionetten benutzt, um ganze Länder zu destabilisieren. Es wäre naiv, dies nicht wahrzunehmen und in die Analyse der Gesamtsituation einzubeziehen. Wenn man einen Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis lange genug einsperrt, ihm seine Würde und seine Zukunftsperspektive nimmt, dann wird er zu dem, was eine beunruhigende Mehrheit unserer Gesellschaft geradezu erwartet. Eine unkontrollierbare Bestie, die uns alles wegnimmt. Das nennt man eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Und wo ist der erste Dominostein von all dem? An den Grenzen? Beginnt der erste Dominostein wirklich an den Grenzen, wie es zu viele fordern? Ist damit das Problem gelöst? Wir denken vielleicht, es geht uns nichts an, dieses Leid in der Ferne. Dabei erleben wir hautnah, wie sehr es uns etwas angeht. Wir sehen es vor unserer Haustür. Eigentlich ist genau DAS unsere Chance. Unsere Chance, jetzt etwas Neues zu machen und die Geschichte der letzten Jahrtausende zu wandeln und neu zu schreiben.

Da die USA und Europa diese Länder wohl nie als vollwertige internationale Partner anerkennen und sie weiterhin eingrenzen und ausbeuten werden , können wir von der Politik und den Parteien nichts erwarten. Sie werden global nichts ändern können, weil zu viele Machtinteressen miteinander verwoben sind. Mit den Mitteln, die wir aus der Vergangenheit kennen, ist das Problem nicht zu lösen. Sie funktionieren nicht mehr.

Deshalb verstehe ich nicht, wie kluge Menschen auf diese einfachen und alten Lösungen der AfD hereinfallen können, die als einzige Lösung Grenzposten einführen und sagen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Applaus. Was für ein revolutionär neuer Ansatz. Verbote, Vorschriften für ein ganzes Land, Symptombehandlung. Verständlich, dass man aus purer Enttäuschung über die Altparteien die einzige Partei wählt, die endlich mal etwas anderes sagt. Auch wenn die AfD ihr Wahlprogramm aufgeweicht hat und damit gesellschaftskonformer geworden ist, blendet sie mich nicht.

Sie bringen das Alte, das trennt und spaltet, sie haben (noch) kein Bewusstsein für das Neue, das verbindet und Neues schafft. Und sie sind genauso gefangen in den Fängen der Lobbyisten (wusstest du, dass 6.000 Interessenvertreter im Lobbyistenregsiter als aktiv registriert sind?), Konzerne und der reichen Familien, die hinter den Kulissen die wahren Entscheider sind.

Am Ende sind wir und die Flüchtlinge nur Marionetten in den Fängen weltpolitischer Strategien und Pläne? Wollen wir dieses Spiel wirklich mitspielen? Gleiches Recht auf Würde, Respekt, Achtung und Wertschätzung. Für jeden! Nur weil er Mensch ist.

Würde es überhaupt so viel Leid und Flucht geben, wenn Menschen grundsätzlich die gleichen Chancen auf Sicherheit, Geborgenheit und finanzielle Stabilität hätten?

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Man kann es drehen und wenden wie man will, am Ende geht es immer darum, dass wir Menschen aufstehen und uns daran erinnern, dass wir die Kraft und das Potenzial haben, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen. Nicht nur wir in Europa, sondern weltweit. Es ist eine globale Bewegung. Im Kern ist die Botschaft klar: Wir sind für niemanden mehr Marionetten oder Sklaven.

Ich bete für Afrika, dass sie das in ihren Herzen spüren, dass sie ihre Würde zurückgewinnen und Afrika zu dem blühenden Kontinent machen, der es schon ist. (Wer weiß, vielleicht wird die Webseiten-Backstube ein wichtiger Baustein für die Afrikaner, auf ihrem Weg in die berufliche Freiheit. ;))

Ich bete für Deutschland, dass wir verstehen, was für ein unglaubliches Glück wir haben, in diesem Land geboren zu sein. Wäre es nicht an der Zeit, dass wir dieses diamantene Geschenk nutzen und nach den Sternen in unserem Leben greifen?

Ich bete für mehr Güte und mehr Menschlichkeit. Für Ursachenforschung statt Symptombehandlung. Für Liebe statt Hass. Für ein Miteinander statt ein Gegeneinander. Das mag utopisch sein, in unserer verrückten Welt. Mag sein, dass du sagst: „Mitgefühl ist nicht dran, wenn der andere kriminell ist oder mordet.“

Einer wird den ersten Schritt machen.
Einer wird der erste sein, der es neu macht.
Einer wird der Erste sein, der sich für den anderen interessiert.

Einer wird der erste sein…

Love and Freedom
Deine Johanna

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